Die Eternity glitt ruhig durch den Raum. Zu ruhig. Auf der Brücke lag diese seltene, fast verbotene Feierabendstimmung in der Luft. Keine Warnanzeigen, kein hektisches Tippen, kein Fluchen über widerspenstige Systeme. Nur Stimmen, Becher und dieses Gefühl, dass man gerade etwas tat, was man eigentlich nicht durfte: entspannen. D
Marek stand am Kommandopult und nahm einen Schluck.
„Das Bier schmeckt heute seltsam.“
Stony sah nicht einmal auf. „Seltsam wie?“
„So, als hätte es eine Meinung, will sie aber nicht sagen.“
Gelächter. Rüdiger schüttelte den Kopf, Truphoss hob den Becher zum Toast, DerMaler grinste. Die Besprechung lief an – ungezwungen, locker, fast schon respektlos gegenüber allem, wofür die Eternity sonst stand.
Statusmeldungen wurden kurz abgehandelt, Zahlen grob eingeordnet, dazwischen Witze, Seitenhiebe und dieses kollektive Gefühl: Heute läuft’s einfach.
Ein leises Piepen erklang. Kurz, unscheinbar, kaum lauter als das Summen der Konsole.
„Hat das jemand gehört?“ fragte Truphoss.
„Bestimmt nur dein Magen“, kam es zurück.
Gelächter. Das Piepen war vergessen, noch bevor es Bedeutung bekam.
Die Zeit verging. Zu glatt. Zu problemlos.
Normalerweise hätte spätestens jetzt jemand eingegriffen. Ein Blick, ein Kommentar, ein trockenes „Wir schweifen ab“. Doch nichts kam. Niemand stoppte sie. Niemand sortierte.
Marek bemerkte es zuerst, ohne es greifen zu können. Diese Freiheit fühlte sich… ungewohnt an.
Fast wie geliehen.
Die Besprechung endete ohne Streit, ohne Spannung, ohne klare Kante. So locker wie nie zuvor. Becher wurden abgestellt, Stühle rückten zurück.
„Gut“, sagte Stony zufrieden. „So darf das öfter laufen.“
Marek nickte – dann runzelte er die Stirn.
„Kurze Frage…“
Alle sahen ihn an.
„War Alexia heute eigentlich angemeldet?“
Einen Herzschlag lang Stille. Dann lachte jemand.
„Die meldet sich doch nie an.“
„Die weiß einfach, wann sie auftauchen muss.“
„Oder sie lässt uns absichtlich machen.“
Truphoss winkte ab. „Wenn sie uns so locker durchkommen lässt, dann ist das bestimmt ein Test.“
Allgemeines Nicken. Erleichtertes Lachen.
Marek griff wieder nach seinem Becher. „Ja. Wird schon.“
Die Brücke leerte sich langsam. Gespräche verliefen sich, Schritte entfernten sich. Zurück blieb nur das leise Summen der Eternity, gleichmäßig, beruhigend.
Ruhig. Zu ruhig.
Die Ruhe hielt exakt zwei Minuten. Dann legte Marek den Finger auf den KomSchalter. D
„Alexia, bitte melden.“
Funkstille.
Einige auf der Brücke grinsten noch. Einer hob den Becher.
„Gönnt ihr doch mal den Kaffee in Ruhe“, meinte jemand. „Die findet uns schon.“
Marek lächelte nicht.
„Maler“, sagte er ruhig. „Schau bitte in ihrer Kabine nach.“
Maler nickte, immer noch halb amüsiert, und verschwand Richtung Korridor.
Auf der Brücke ging das lockere Gespräch weiter. Ein paar Witze. Ein paar Seitenhiebe. Niemand machte sich wirklich Sorgen. Noch nicht.
Zwei Minuten vergingen. Dann knackte der Funk.
„Kommandobrücke… hier Maler.“
Kurze Pause. „Alexia ist nicht in ihrer Kabine.“
Das Lachen verebbte. Nicht abrupt. Eher so, als hätte jemand langsam den Ton ausgedreht.
„Sicher?“ fragte Marek.
„Ja. Bett unberührt. Terminal aus. Keine Spur.“
Ein leises Räuspern ging durch den Raum.
„Okay“, sagte jemand, etwas zu schnell. „Dann ist sie halt woanders.“
Doch die Gedanken waren bereits weiter.
Zu weit. Die Fragezeichen?
Ein Vergeltungsschlag der Carnis – Blondie?
Ein alter Feind?
Ein Fehler, den niemand bemerkt hatte?
Marek spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog. Alexia verschwand nicht. Nicht kommentarlos. Nicht unauffindbar.
Er öffnete den Gruppenkanal.
„An alle Einheiten: Hat jemand Alexia gesehen oder gesprochen?“
Sekunden vergingen.
Niemand antwortete.
Die Brücke war jetzt still. Keine Witze mehr. Kein Klirren von Bechern.
„Suchtrupps“, sagte Marek schließlich. „Maschinenraum, Lagersektionen, Nebengänge. Ruhig. Ohne Alarm.“
Die Suche begann.
Und blieb ergebnislos.
Kein Funkspruch.... Keine Sichtung.... Keine Spur.
Nur dieses unangenehme Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
Marek sah auf die Anzeigen. Dann auf die Crew.
„Das hier“, sagte er leise, „wird gerade ungewöhnlich.“
Niemand widersprach.
Und irgendwo auf der Eternity fehlte eine Person, die sonst immer da war.
Während die Suche weiterlief, wurden die Gedanken immer dunkler. Vermutungen wurden zu Szenarien. Szenarien zu Gewissheiten.Marek trat an das Kommandopult. Seine Stimme war ruhig. „An alle Einheiten. Waffen ausfahren. Schilde hoch.“ W
Er sah nicht auf.
„Wenn Alexia nicht zurückkommt, wird das hier Krieg.“
Fast gleichzeitig öffnete Rüdiger den Fernkanal ins gesamte Greifental: „Wer Alexia in seiner Gewalt hat, übergibt sie sofort an die Eternity. Andernfalls erlebt ihr einen Krieg, den ihr so noch nie gesehen habt.“
Die Antworten kamen schnell.
Ablehnung. Empörung. Angst.
Niemand wollte verantwortlich sein.
Dann knackte ein interner Funk. „Maschinenraum hier… wir haben ein Problem.“
Marek fuhr herum. „Was für eins?“
„Eine Tür. Sie klemmt.“
„Öffnen.“
Metall schob sich zur Seite.
Alexia stand im Türrahmen. Ölverschmiert. Genervt.
„Na endlich. Die Tür hatte geklemmt.“
Stille.
„Was“, fragte Marek langsam, „hattest du in der Abstellkammer des Maschinenraums zu suchen?“
Alexia blinzelte.
„Habt ihr das Warnsignal auf der Brücke nicht gesehen? Das Piepen? Alle paar Minuten?“
Niemand antwortete.
„Eine Wartungsklappe klemmte“, fuhr sie fort. „Das Piepen ging mir auf die Nerven. Also hab ich’s abgestellt. Alles muss man hier selbst machen.“
Sie deutete hinter sich. „Dann klemmte die Tür.“
Sie sah auf die Anzeigen, die Waffen, die Schilde.
„Echt jetzt? Ich bin zwei Stunden nicht erreichbar und ihr erklärt der halben Galaxie den Krieg?“
Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann lachte jemand.
Dann alle.
Entwarnung ging über alle Kanäle. Systeme fuhren herunter.
Die Krise löste sich auf.
Nur eines blieb unausgesprochen:
Was wirklich beinahe passiert wäre, wollte später niemand zugeben.
Und Alexia kündigte Wartungsarbeiten ab diesem Tag vorher an.